Macao, der neuen Hauptstadt des
Glücksspiels
Macao ist nicht nur eine ehemalige portugiesische Kolonie, die seit
1999 eine Sonderverwaltungszone von China ist. Sein Name
beschwört auch Spielhöllen mit Tausenden von
einarmigen Banditen und Spieltischen herbei. In wenigen Jahren hat
Macao als neue Hauptstadt des Glücksspiels Las Vegas vom Thron
gestoßen. Aber hinter dem Namen verbergen sich
Auslandsinvestitionen in Milliardenhöhe und eine
Wirtschaftsstruktur, die auf Glücksspielen, Mafia-Methoden,
Geldwäsche und der Kontrolle Chinas über das winzige
Land basiert.
Dieser Bericht über Macao soll verständlich machen,
wieso es zum neuen Spielerparadies geworden ist, was hinter den enormen
Investitionen steckt, wer zum Spielen hierher kommt und welchen
Einfluss die Mafia hat.

Die ehemalige portugiesische Kolonie Macao fiel 1999 wieder an China
zurück. Binnen weniger Jahre entstand eine riesige Hochburg
für Glücksspiele, die Las Vegas als casino Hauptstadt
inzwischen überholt hat. Jahrzehntelang konnte sich keine
Stadt der Welt an Las Vegas messen, das Macao auf diesem Gebiet wohl
sehr unterschätzt hat. Die amerikanischen casino Besitzer
kürten Macao ohne zu zögern zum asiatischen Las
Vegas. Inzwischen liegt es vor Las Vegas und sehr weit vor Atlantic
City. Die casinos sind in diesem Sonderverwaltungsgebiet Chinas wie
Pilze aus dem Boden geschossen. Können Sie sich vorstellen,
dass sich die Bevölkerung einer knapp 9,6 Millionen
Quadratkilometer großen Region auf insgesamt 28
Quadratkilometern tummelt? Denn die meisten Besucher der casinos in
Macao sind chinesische Staatsbürger, da in ihrem eigenen Land
selbst das Glücksspiel verboten ist. Knapp 1,5 Milliarden
Chinesen kommen zum Spielen hierher. Und weil es eng wird,
müssen Grund und Boden für den Bau der casinos
teilweise dem Meer abgerungen und künstlich
aufgeschüttet werden.
Die großen Investoren aus den USA haben sich früh
für Macao interessiert und die Glitzerwelt aus der
Wüste Nevadas nach Asien verlegt. Dank der neuen russischen
Milliardäre (nach dem Ende der Sowjetunion, als die Oligarchen
in Rekordzeit zu Reichtum und Vermögen kamen), aber auch der
reichen Kunden aus China, dessen Wirtschaft floriert und zweistellige
Zuwachsraten verzeichnet, ist Macao neuen Ruhm erlangt.
Die Einnahmen der casinos von Macao lagen 2007 bei knapp zehn
Milliarden Dollar – eine Zunahme von über 45% in nur
einem Jahr. Damit hat Macao Las Vegas zum zweiten Mal in Folge
überholt – ein harter Schlag. Die Milliarden
Dollars, die in Macao investiert wurden und werden, stammen von
amerikanischen und australischen Investoren und
Geschäftsleuten aus Hongkong.
Das alte Macao hat sich unter diesem Einfluss vollkommen
verändert. Casinos schießen wie Pilze aus dem Boden
und haben der Region ein völlig neues Gesicht gegeben.
Millionen von Touristen, meist Chinesen, überschwemmen Jahr
für Jahr das kleine Land mit seiner halben Million Einwohner.
27 Millionen Chinesen sind schon nach Macao gekommen, um ihre neue
„Provinz“ zu erkunden.
In Macao stehen 29 casinos, darunter das ganz neue Ponte 16, das
einzige in der historischen Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe
gehört. Das Ponte 16 ist 270.000 Quadratmeter, hat 320
Spielautomaten und 150 Spieltische. In den fünf VIP-Bereichen
stehen den Kunden ein luxuriöses Fünf-Sterne-Hotel
mit 389 geräumigen Zimmern und ein Wellness-Bereich, mehrere
Spezialitätenrestaurants und Sporteinrichtungen zur
Verfügung.
Weitaus gigantischer ist das am 18. Dezember 2007 eröffnete
MGM Grand Macau mit seinen beiden goldenen, zehn Meter hohen
Löwen vor dem Eingang. Mit 600 Hotelzimmern, 385 Spieltischen
auf über 20.000 Quadratmetern Fläche und knapp 1.000
Spielautomaten stellt das MGM Grand Macau eine Investition in
Höhe von 1, 25 Milliarden Dollar dar.
Noch weiter hinaus will das Venetian Macao. Dieser riesige
Themenkomplex ist nach den Werkshallen von Boeing das
größte Gebäude der Welt. Die Gruppe Las
Vegas Sands des Milliardärs Sheldon Adelson hat es dem
berühmten Venetian in Las Vegas nachgebaut. Das Projekt
kostete über 1,75 Milliarden Dollar und dürfte laut
Schätzungen von Finanzexperten in zehn Jahren amortisiert
sein. Das Venetian ist eine Stadt für sich: 100.000
Quadratmeter mit 350 luxuriösen Geschäften, knapp
3.500 Spielautomaten und 840 Spieltischen im
großzügigen casino-Bereich. The Venetian Macao steht
im neuen Stadtviertel Cotai, das, dem Meer abgerungen, zwischen den
Inseln Colane und Taipa entstanden ist. Zu den Konkurrenten dieser
luxus casinos gehört das Grand Lisboa des Milliardärs
Stanley Ho, der bis 2002 das Glücksspielmonopol hatte. Stanley
Ho stammt aus Macao und hatte bereits vor der Markteroberung durch die
US-Investoren zahlreiche casinos gebaut. Aber das Grand Lisboa hat mit
dem Venetian und seinen 500 Meter langen Kanälen, auf denen
sich die Touristen wie in Venedig in Gondeln spazieren fahren
können, nichts gemein. Das Venetian Macao ist in der Tat ein
Nachbau der Lagunenstadt. Knapp zehn Millionen Personen, meist aus
China, haben in nur sechs Monaten dieses phantastische hotel-casino
besucht.
Die meisten Touristen kommen hierher, um mit eigenen Augen diesen Teil
Chinas zu sehen, in dem das Glücksspiel legal ist.
Zeitvertreib und Spaß sind ihr Leitmotiv, vielleicht auch die
Lust, mit ein bisschen Geld in der Tasche ihr Glück zu
versuchen. Die meisten wollen sich jedoch ganz
„normal“ amüsieren, ins Kino oder ins
Konzert gehen oder shoppen. Denn nicht nur Spiele haben die casinos zu
bieten, sondern eine üppige Auswahl an
Luxusgeschäften, Freizeitbeschäftigungen, Kinos,
Theatersälen usw., die die zweite Hälfe ihrer
Einnahmequelle darstellen. In Frankreich ist man zurzeit
bemüht, im casino Alternativen für den
Freizeitspaß anzubieten, aber vom amerikanischen Konzept ist
man noch weit entfernt. (Weiterlesen unter
„Marketing“)
Glücksspiel, Prostitution und Drogen wurden als
„Laster des Alten China “ nach Gründung
der Volksrepublik verboten. Mittlerweile hat sich das
geändert. Auch Patrick Partouche ist nicht unbedingt der
Meinung, dass Spielen ein Laster ist, und behauptet, dass in seinen
casinos vor allem Zeitvertreib und Freizeitspaß geboten
werden. In Macao ist man darauf bedacht, das Image der
Glücksspiele aufzupolieren. Finstere Spelunken und
Spielhöllen gehören der Vergangenheit an. Macao ist
zur glitzernden Kulisse geworden, und seine erlesenen casinos sind
für jedermann zugänglich. Aber hinter den Kulissen
sieht es nicht immer rosig aus.
Im Vergleich zu französischen casinos werden an den
Spieltischen in Macao 80% der Landeseinnahmen erzielt. In Frankreich
stammen zirka 90% des Bruttoertrags aus Glücksspielen von
Spielautomaten. Durchschnittlich verbringen Spieler aus allen
chinesischen Provinzen, aber auch aus Macao selbst, je nach Budget nur
ein paar Stunden oder eine Nacht hier und probieren ihr Glück
an einem Spieltisch. In den VIP Rooms kommen meist
finanzkräftige Kunden zum Zug.
Damit wird der Großteil der Einnahmen eingespielt. Die
zahlungskräftigen Gäste werden u.a. von
Junket-Agenturen hofiert. Ein Junket ist ein Pauschal-Reiseangebot, bei
dem sich die Spieler verpflichten, in einem casino einen bestimmten
Betrag zu setzen, und dafür günstigere Preise
bekommen. Junkets sind so zu sagen das Rückgrat der casinos,
die sonst nicht überleben könnten. Offiziell bieten
die Junket-Agenten nur Pauschalreisen an, sollen aber im Auftrag der
casinos mittlerweile auf Kommissionsbasis immer neue Kunden
ködern. Nicht umsonst werden sie in Kanton-Chinesisch
„Chip-Sammler“ genannt.
Sie fungieren für zahlungskräftige Kunden, die auf
Kredit spielen, als Bank. Das heißt, sie kommen nach Macao
ohne einen Cent in der Tasche und leihen sich bei einem Junket-Agenten
die notwendigen Summen aus. Von zuhause erstatten sie das Geld wieder
zurück.
Wer mit hohem Einsatz spielt, wird mit besonders günstigen
Angeboten geködert, die das Hundert- bzw. Tausendfache ihres
Einsatzes in Aussicht stellen. Bei einigen Spielen darf
nämlich ein Höchstbetrag nicht überschritten
werden. Mit dem Junket-Agenten kann dann vereinbart werden, dass man
zwar 100 setzt, aber in Wirklichkeit um 1.000 bzw. 10.000 spielt. Die
Abwicklung bezüglich des zusätzlichen Einsatzes
erfolgt dann direkt zwischen Junket-Agentur und Spieler. Es gibt auch
die Möglichkeit, per Telefon zu spielen, indem man dem
Junket-Agenten die notwendigen Anweisungen gibt. Bei solch
undurchsichtigen Geschäften handelt es sich meist um
Geldwäsche und Kapitalflucht. Jahr für Jahr stehen in
den casinos in Macao 300 bis 400 Milliarden Dollar auf dem Spiel, deren
Herkunft nicht immer lupenrein ist.
Die Mafia ist in Macao allgegenwärtig und sorgt mit unsanften
Methoden dafür, dass Spielschulden umgehend beglichen werden.
Es ist nicht selten, dass säumige Spieler einfach von der
Bildfläche verschwinden oder tot aufgefunden werden. Im
Glücksspielmilieu geht man nicht zimperlich mit denen um, die
sich nicht an die Spielregeln halten.
Um diese Junket-Aktivitäten einzudämmen, wurde 2004
beschlossen, die Agenturen zu registrieren und lizenzpflichtig zu
machen. Die größten dieser Agenturen sind
Unternehmen, die in Hongkong börsennotiert sind. Aber die
Polizei ist außer Stande, alle Junket-Agenturen in den Griff
zu bekommen. Das Milieu bleibt relativ undurchsichtig, denn auch die
amerikanischen casinos lassen inzwischen bisweilen von Junkets
abkassieren.
Sehr stark verbreitet ist auch die Korruption. Es ist nicht selten,
dass Regierungsbeamte öffentliche Gelder und Bestechungsgelder
erhalten, die in Chips aufgehen. So wurde der frühere
Verkehrsminister Ao Man-Long zu einer 27-jährigen
Gefängnisstrafe ohne Bewährung verurteilt, weil er
ganze 100 Millionen Dollar aus öffentlichen
Bauverträgen veruntreut hatte. Die rund 3,7 Milliarden Dollar
Steuern und Abgaben der Glücksspielbranche 2007
könnten auch den ehrlichsten Menschen auf schlechte Gedanken
bringen und ihn verlocken, sein Gehalt auf diese Weise ein wenig zu
verbessern.
Deshalb hat China den Kampf gegen die Korruption der Beamten in diesem
kleinen Land angekündigt. Die harte Bestrafung des
früheren Verkehrsministers soll als abschreckendes Beispiel
dienen. Dabei war in Macao vor der Rückgabe an China ein
Mafiachef zu einer nur 14-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt
worden, obwohl bekannt war, dass er der Anstifter mehrerer Morde war.
Ein guter Grund für die chinesische Regierung, für
Ordnung zu sorgen und Bestechung zu bekämpfen.
Damit beabsichtigt Peking nicht, dem Image von Macao zu schaden,
sondern den chinesischen Staatsbürgern den Traum vom
großen Gewinn in einem der 29 casinos zu
ermöglichen. Aus finanzieller Sicht steht für die
Staatskassen so viel auf dem Spiel, dass vollkommene Transparenz
für die casinos nicht gerade wünschenswert
wäre, weil dadurch vielleicht einige der
zahlungskräftigsten Kunden vergrault würden.
In Macao fußt die gesamte Wirtschaft auf dem
Glücksspiel. Problematisch ist es, wenn die Branche
für die Geldwäsche missbraucht wird. Macao versucht
nach dem Beispiel von Las Vegas, sein Image zu verbessern und
Spaß und Zeitvertreib den Vorrang zu geben.
Glücksspiele haben von jeher einen zweifelhaften Ruf. Es ist
nie ganz klar, wer hinter bestimmten casinos steht und ob die Spieler
nicht der Mafia, einem Drogenring oder einer anderen verbrecherischen
Gemeinschaft angehören. Dabei wäre mehr Transparenz
für alle Beteiligten von Vorteil, auch für den Staat,
der durch das Glücksspiel jedes Jahr Milliarden einnimmt.
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